Christian Maximilian Blasius | LINDA. APRIL, APRIL.
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LINDA. APRIL, APRIL.

Irgendwie guter Dinge heute.
Du arbeitest ja nicht.
Schwirrst mir nur noch durch den Kopf.
Zu viel vielleicht.
Ein Tag Pause.
Ein Tag Routine.
Ein Tag, ohne meine Eitelkeit.
Ein Tag, ohne Konfrontation mit aufkommender Sucht.
Nach dir.
Spaziergang zur Bank.
Am Görli vorbei, die Skalitzer runter zur Post.
Grau bricht auf.
Sonne kommt durch.
Da ist es wieder, das mir so innig geliebte Alleinsein.
Die letzten Tage waren einsam, ohne dich.
Das gefiel mir nicht.
Hatte etwas bedrohliches, irgendwie.
Die Frau am Schalter ist ungewöhnlich freundlich heute.
Vielleicht, weil mal ein Fenster offen steht.
Das macht das Neonlicht zwar auch nicht erträglicher, aber suggeriert wenigstens einen Hauch von Freiheit.
“Ich würde gerne 450 Euro einzahlen,bitte. Miete ist fällig.“
Sie lacht beherzt auf, nimmt das Bündel kleiner Scheine und jagt es durch die Zählmaschine.
Einen Zwanziger spuckt diese zweifach wieder aus.
Irgendwie sind es immer die Zwanziger.
Ich habe mal jemanden sagen hören, das seien die Noten, die am häufigsten gefälscht würden.
Hoch genug, um den Aufwand zu lohnen, niedrig genug, um unbemerkt den Besitzer zu wechseln.
Interessant.
Blöd nur, wenn man darum weiß und bei der Bank steht.
Mein autistisches Gen, lässt mich nervös werden.
Danke, Papa.
Dann doch, endlich.
Die Maschine, spricht dem Papier Wertigkeit zu und verleibt es sich ein.
“450 Euro, bitte bestä-“
Bestätigt, bevor sie ausgesprochen hat.
Sie schaut, wie die türkische Kassiererin in meinem liebsten Supermarkt schaut, wenn ich passend bezahle, ohne lang im Münzfach zu kramen.
Überrascht; dankbar.
“Einen wunderschönen Tag noch, junger Mann!“
“Den wünsche ich ihnen auch!“
Auf zum Automaten.
Tipp, Tipp.
IBAN, du Sohn einer Hure.
Verwendungszweck: ‚April, April‘
Raus aus dem Knast.
Bis nächsten Monat dann.
Ein paar hundert Meter zum Schlesischen Tor.
Vorbei am Fussballpaltz.
Fortuna on my mind.
Am Bahnhof.
Ticket ziehen.
Wie fast immer, funktioniert nur ein Automat.
Lange Schlange.
Danke BVG.
Macht ihr doch extra.
Wollt doch zum Schwarfahren annimieren.
Sechzig Euro sind halt doch geiler, als Eins-Achzig für ne Kurzstrecke, wa?
Irgendwoher muss die Kohle ja kommen, mit der ihr die Agentur bezahlt, die eure, ach so zeitgeistige Werbung fabriziert.
“Weil wir dich lieben!“
Ihr mich auch.
Aber ihr macht mir keine schlechte Laune.
Nicht heute.
Ich stelle mich ganz artig an.
Heute bin ich brav, nicht brave.
Die Fahrt über die Oberbaumbrücke erinnert mich an die Heimat.
Fühlt sich fast so an, wie mit der 66, über die Kennedybrücke, den Rhein zu überqueren.
Sorry, Spree.
Kenne deinen Meister.
Wie immer, der störrische Blick gen UNIVERSAL Schriftzug.
Argwöhnisch.
Wie Männer Frauen hinterher schauen, von denen sie glauben, dass diese meinten, sie seien nicht gut genug für sie und sich insgeheim dennoch hoffen, sie mal ins Bett zu kriegen.
Einfahrt Warschauerstraße.
Türknopf gedrückt, schon lange bevor das schwere Gefährt zum Stillstand gekommen ist.
Diebische Freude, der Erste zu sein, der aus den Wagons hüpft und auf den Steig taumelt.
Fußabdruck in unberührtem Schnee.
Gefühlte Zwillinge.
Für mich ähnlich befriedigend.
Autistisches Gen, danke Papa.
M10 zur Grünberger.
Der feine Herr muss noch zu Rossmann.
Spröde Lippen hat er ja nicht gern.
Blistex.
“1,95 Euro macht das!“
Fahle Frau, trüber Blick.
Rotes Haar, schlecht gefärbt, nicht echt.
Grauer Ansatz.
Unfreundlich.
Kein Fenster offen halt.
Neonlicht.
Steriler Geruch.
Heimlich stecke ich mir das, zuvor abgezählte Kleingeld wieder in die Jeans und zücke den verbliebenen Zehner.
Subtile Rache.
Das kleine Arschloch in mir.
Sie merkt es nicht mal.
Wortloses Wechselgeldgefische.
Leerer Blick.
Jetzt fühle ich mich schlecht.
Nächstes mal bin ich lieber.
Versprochen.
Als Friedensangebot lasse ich die Ladentür einen Spalt offen, als ich gehe.
Vielleicht hat es ja einen ähnlichen Effekt, wie das geöffnete Fenster in der Post.
Wünsche ich mir für sie.
Die Grünberger runter.
Sparkassenautomat zur Rechten.
Die russischen Bettler saßen da schon, als ich nach Berlin kam und in dem Kiez wohnte.
Das ist nun schon Jahre her.
Scheint eine lukrative Stelle zu sein.
Ausfallschritt über ein Blut-Kotze Gemisch.
Ekelhafter, als eben jenes selbst: Es löst nichts mehr in mir aus.
Links das ‚Sao-Viet‘.
Tolle vietnamesische Küche.
Blöd nur, dass die da alles mit Koriander machen.
Täufelskraut.
Rechts abbiegen.
Simon-Dach-Straße.
Noch James Blake im Ohr.
Noch guter Dinge.
Das Cafe kommt in Sichtweite.
Terrasse sieht leer aus.
Aufatmen, weiter laufen.
Zwei Silhouetten.
Eine erkenne ich sofort.
Ich gucke gegen die Sonne.
Trotzdem, der matte Umriss reicht.
Amüsiertes hin und her wippen.
Gelöstheit.
Du!
Er?
Kuss.
Mir ist übel.
Alles schmerzt.
Zittern.
‚Ich fühlte mich gut allein. Dann kamst du und machtest mich einsam!‘
Du bestätigst, was trunkener Pathos mich über dich schreiben ließ.
Übersprung.
Flucht.
Unbewusst.
Fremdgesteuert.
Markthalle.
Zeitsprung.
Das hübsche Mädchen hinterm Tresen schaut irritert.
Sie sieht mich fallen, ich fange mich.
Kühlschrank auf, Wasser gegriffen.
“1,95 bitte.“
Griff in die Jeans.
Abgezähltes Kleingeld zeigt sich nützlich.
Passt perfekt.
Komischer Zufall.
Ein Kreist schließt sich.
Andere reißen auf.
Sie lächelt.
Die Tür des Spätkaufs steht ja auch sperrangelweit offen.
Von Neonlicht keine Spur.
“Ich hoffe, du hast noch einen wunderschönen Tag!“
Ich nicke und zwinge mich zu lächeln.
Durchatmen und rauß.

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